Vom Lichtstrahl der Hoffnung

Die Stadtneurotikerin

Vom Lichtstrahl der Hoffnung

In seinem Lied „Anthem“ (Hymne, 1992) entwarf Leonard Cohen poetische Sinnbilder, die einige Prinzipien der Fokussierten Psychotherapien anschaulich machen.

Eva Banlaki im Interview

»There’s a crack in everything, that’s where the light gets in.«

Leonhard Cohen

Was hat Leonard Cohen mit Ihrem Zugang zur Psychotherapie zu tun?
Eva Banlaki: In Leonard Cohens Lied „Anthem“ sind einige meiner Werte und therapeutischen Sichtweisen zusammengefasst, in einer sehr verdichteten Form. Es sind Zeilen, die mich bewegen, weil sie den verschatteten Seiten des Lebens ein Licht der Hoffnung entgegen strahlen:

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s were the light gets in

Leute die Glocken, die dir verblieben sind
Sorg dich nicht länger um dein glanzvolles Ansehen
Es geht ein Riss durch alle Dinge
durch ihn fällt Licht herein

Wie deuten Sie dieses Gedicht?
Die „verbliebenen Glocken“  stehen für den guten Rat, sich erst einmal auf die eigenen, schon vorhandenen Ressourcen zu konzentrieren. Wer Therapie sucht, hat oft keinen Blick für die Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken, die er mitbringt. Es gilt, ihn darauf aufmerksam zu machen, was ihm trotz aller momentanen Herausforderungen an Ressourcen verblieben ist. Aus ihnen kann die Kraft geschöpft werden, sich zum Licht hin auf den Weg zu machen. Sie sind der Ansatzpunkt für Chancen zur Veränderung.

Offenbar sind einige „Glocken“ verloren gegangen – wie gewinnt man sie zurück?
Man muss sich auf die Befähigungen  fokussieren, die ohnehin noch da sind. Das setzt den Willen voraus, selbst für sich Verantwortung zu übernehmen, anstatt diese an den Therapeuten abzuschieben. Der Klient muss – sofern er dazu befähigt ist – aktiv mitwirken wollen und das auch tun.

Warum sollte man ablassen, sich um die äußere Performance zu sorgen?
In der Psychotherapie geht es nicht darum, eine perfekte Außensicht zu anzustreben, sondern wie man sich mit der Innensicht in ein neues Verhältnis setzt. Wie man sich aussöhnen kann mit den eigenen Verletzungen, auch mit den erlebten Traumata. Erst mit deren Integration wird Heilung möglich. Man muss die eigene Geschichte verstehen und anerkennen, statt dagegen anzukämpfen.

Auch dass es einen Riss gibt, ist zu akzeptieren? Wo bleibt da die Hoffnung?
Gerade dort, wo es einen Riss gibt, wo ich eine Verwundung erlitten habe, bin ich offen für mich selbst und für Neues. Es sind die Momente im Leben, die schmerzhaft und schwierig sind, an denen man wachsen kann. Wenn man sie therapeutisch begleitet durchgeht, erscheint die Zukunft wieder als ein Ort der Hoffnung, an dem man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.

Wie wird dieser Riss zum Einfallstor des Lichts der Hoffnung?
Es gibt keine perfekten Lösungen. Die Welt ist – ebenso wie man selbst - voller Brüche und Risse, aber genau dort liegt die Chance zur Veränderung, genau dort dringt das Licht ein. Jeden Tag geht die Sonne auf, jeder Tag ist ein Neubeginn,  oder kann einer werden.

Das klingt, als ob es wünschenswert wäre, einmal verwundet worden zu sein?
Das ist natürlich nicht wünschenswert. Aber es gibt keinen Menschen, der nie verletzt wurde. Keine bruchlose Biographie. In seiner Hymne auf eine zerbrochene Welt im positiven Sinne zielt Leonard Cohen auf ein allgemeingültiges Thema: Die Existenz des  Menschen ist prinzipiell von einem Riss durchkreuzt. Damit zurecht zu kommen ist unsere Lebensaufgabe.

Gibt es Fälle, in denen es tatsächlich ein Vorteil ist, mit einem Riss konfrontiert zu sein?
Das kommt vor. Etwa, wenn durch eine besondere Krise eine allgemeine Verbesserung des Gesamtsystems angestoßen wird. Ein Riss zeigt sich als psychisches Symptom. Dieses kann als Einladung des Unbewussten gelesen werden, sich um das Thema zu kümmern, es einzuordnen und als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen. So kann der Riss zum Aufbrechen des Systems und zum Aufbrechen in eine gewünschte Zukunft führen.

Was ist für Sie die Kernaussage des Lieds?
Für jeden Menschen ist Selbstwirksamkeit essentiell. Und jeder hat Ressourcen, auf die er bauen kann. Es sind oft kleine Veränderungen, die große Veränderungen bewirken. Auch wenn es mir gerade noch so dunkel erscheint, gibt es doch dieses Licht der Hoffnung auf einen Neubeginn.

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