Systemische
Strukturaufstellung
nach Holm v. Egidy
Vom »Aufstellen« haben viele schon gehört, doch kaum jemand, der diese Erfahrung noch nicht selbst machen konnte, hat eine Vorstellung davon, was da passiert.
Eine Gruppe versammelt sich um einen, der ein Anliegen hat. Dieser wählt Gruppenmitglieder als Stellvertreter für wichtige Aspekte oder Teile des Systems aus und stellt die sogenannten Repräsentanten auf verschiedene Plätze im Raum. Dabei wird eine Struktur sichtbar, die den System-Zusammenhang des Anliegenbringers abbildet.
Die Repräsentanten nehmen verändert wahr, der Klient erlebt deren Aussagen und Empfindungen als erstaunlich treffend. Der Klient und die Repräsentanten beginnen auf Anweisung der Aufstellungsleiterin miteinander zu interagieren.
Durch hilfreiche Interventionen kann der Klient neue Sichtweisen und Handlungsoptionen erforschen und dadurch selbstbestimmt die Lösung des Anliegens erleben.
Am Ende ist jeder erstaunt, wie intensiv diese gemeinschaftliche Involvierung gewirkt hat.
Die Systemische Strukturaufstellung ist genau genommen keine Therapiemethode, sondern eine Methode der Intervention, die auch für psychotherapeutische Ziele eingesetzt wird. Oft führt schon eine einmalige Einzel- oder Gruppenaufstellung zu erstaunlichen Veränderungen. Hinzu kommen ergänzend eine Vor- und Nachbesprechung.
Drei Varianten stehen zur Verfügung:
In Gruppenaufstellungen stehen Mitglieder einer Gruppe als Stellvertreter zur Verfügung und werden im Raum verteilt aufgestellt.
Bei Einzelaufstellungen, d.h. ohne andere Teilnehmer, werden Gegenstände (Bodenanker) platziert, die für relevante Personen oder Teile des Systems stehen. Die Rollenübernahme geschieht durch den Klienten und den Aufstellungsleiter.
In Supervisions-Aufstellungen bearbeiten Therapeutinnen und Therapeuten, einzeln oder in Gruppen, ihre aktuellen Themen.
Durch die Aufstellung verschiebt sich nicht nur die Sicht auf ein Thema, auch die Beziehungen zu wichtigen Menschen werden dem Anliegenbringer bewusst gemacht und in der Folge verbessert.
Aufstellen hat eine sehr intensive Wirkung, man ist körperlich wie geistig sofort mittendrin im Thema und agiert in der eigenen Rolle, im eigenen Film und nach eigener Regie. Dabei gewinnt man eine neue Perspektive und kann sich in der Folge besser abgrenzen, von den realen wie auch von den verinnerlichten Personen, die in der Psyche eine wichtige Rolle spielen.
Der Begriff des „Familienstellens“ wird in Deutschland oft mit dem so populären wie umstrittenen Namen Bert Hellinger verknüpft, der in den 1980er Jahren als Autorität auftrat und seiner eigenen Intuition folgte, wenn er die Stellung von Personen im Raum bestimmte und deutete. Sein subjektives Vorgehen wurde von wissenschaftlicher Seite bald als unmethodisch kritisiert.
Das Grundprinzip jedoch, Räume zur Repräsentation psychischer Themen zu nutzen, indem man Personen oder auch Dinge gemäß ihrem Verhältnis zueinander platziert, wird bis heute von mehreren Therapie- und Beratungsformen mit Erfolg verwendet. Für die Systemische Strukturaufstellung gilt:
Der Klient bestimmt das Anliegen.
Er wählt die Stellvertreter auf deren Plätze.
Der Therapeut deutet nicht.
Der Anliegenbringer wählt für seine persönlichen Bezugspersonen die Repräsentanten aus und stellt sie im Raum auf. Die Struktur des Systems (etwa der Familie), bestehend aus den Beziehungen zwischen allen Beteiligten, wird in der räumlichen Anordnung sichtbar gemacht und kann nun verschoben werden.
Die gängigste Erklärung für Aufstellungen ist, dass der Anliegenbringer seine inneren Bilder in die Gruppe der Repräsentanten projiziert und externalisiert. Die dort durchgeführten Veränderungen des Systems werden schließlich wieder verinnerlicht.
Es wirkt, doch warum ist ein Rätsel
Wissenschaftlich betrachtet ist zwar die Wirksamkeit nachgewiesen, während in den Debatten über den Funktionsmechanismus noch kein Konsens gefunden wurde.
Die Fokussierung zielt auf ein konkretes Anliegen, meistens handelt es sich dabei ums Überwinden schädlicher, aber wiederholter Beziehungsmuster, oder emotionale Blockaden. Das Aufstellen bewirkt einen besseren Zugang zu sich selbst.
Voraussetzungen und die Verantwortung dafür
Die Basis für das Gelingen einer Aufstellung ist die Selbstverantwortung des Klienten und der Wille des Klienten, hinzuschauen und etwas verändern zu wollen.
Systemische Strukturaufstellung ist nicht für jeden geeignet. Denn das Verfahren ist konfrontativ und aufdeckend. Psychische Stabilität und Gesundheit sind unverzichtbar, da oft sehr emotionsgeladene Themen aufkommen oder ein Trauma aufgerührt wird.
Die Aufstellungsleiterin sorgt dafür, dass die Dynamik der starken Gefühle nicht aus dem Ruder läuft und keine Überwältigung oder Retraumatisierung passiert. Sie trägt die Verantwortung für den Prozess, aber auch für die Vorentscheidung, ob ein Klient, sein Anliegen und die Mitglieder der Gruppe für eine Aufstellung geeignet sind.
Da Gruppen aber nur teilweise steuerbar sind und Themen aufkommen können, die zu spontanen Emotionalisierungen führen, muss jeder Teilnehmer schriftlich erklären, über diese Gefahren informiert worden zu sein und die Verantwortung dafür selbst zu tragen (vergl. AGB für Systemische Strukturaufstellungen).
Überblicksinformation
https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Strukturaufstellung
https://www.psyonline.at/lexikon/systemische-strukturaufstellung
https://systemaufstellung.com/
https://medien.ubitweb.de/pdfzentrale/978/346/630/Leseprobe_l_9783466307876.pdf
https://www.syst.info/de/was-ist-systr
https://www.constellaris.de/aufstellung/
Über Bert Hellingers Familienaufstellung
https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Hellinger
Ausbildung
https://www.syst.info/de
https://www.constellaris.de/
Wissenschaftliche Wirkungsnachweise
Peter Schlötter: Vertraute Sprache und ihre Entdeckung – Systemaufstellungen sind kein Zufallsprodukt – der empirische Nachweis. Carl-Auer Verlag; 3. Auflage, 1. Juni 2016, ISBN 3-8497-9002-9.
J. Schweitzer, A. Bornhäuser, C. Hunger, J. Weinhold: Wie wirksam sind Systemaufstellungen? Bericht über ein laufendes Forschungsprojekt. Praxis der Systemaufstellung 2012 (1): Seiten: 66–69.
https://www.elisa-schueler-mombaur.de/dist/pdf/ergebnisse_forschung_systemaufst2013.pdf Jan Weinhold: Forschungsprojekt Systemaufstellungen – Zusammenfassung der ersten Ergebnisse der ‚Heidelberger Studie‘.
J. Weinhold, C. Hunger, A. Bornhäuser, J. Schweitzer: Wirksamkeit von Systemaufstellungen: Explorative Ergebnisse der Heidelberger RCT-Studie. Familiendynamik, Klett-Cotta Verlag, J.G. Cotta'sche Verlagsbuchhandlung Nachfolger GmbH (2013), Jahrgang 38, Heft 1, Seiten 42–51.
Jan Weinhold, Annette Bornhäuser, Christina Hunger und Jochen Schweitzer: Dreierlei Wirksamkeit: Forschung über Systemaufstellungen. Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 12. September 2014, ISBN 3-8497-0047-X.
C. Hunger, J. Weinhold, A. Bornhäuser, L. Link, J. Schweitzer: Mid- and long-term effects of family constellation seminars in a general population sample: 8- and 12-month follow-up. Fam. Process. 2015 June 54(2):344–358. doi:10.1111/famp.12102 Epub 2014 Sep 29.
Systemische Therapie für Erwachsene als weiteres Richtlinienverfahren aufgenommen. https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen/826/